Wie sinnvoll ist der Einkauf an Hand von Testberichten und Norm-Ergebnissen ?
Immer wieder entscheiden wir Konsumenten rein an Hand von Testdaten und Norm-Ergebnissen. Zwei Ereignisse von dieser Woche haben uns nachdenklich gemacht. Wir wollen in keiner Weise die Sinnhaftigkeit von Messungen und Tests in Frage stellen, wollen aber das oft götzenhafte Anbeten von Zahlen mit diesem kritischen Beitrag hinterfragen:
Eine Mehrfachmessung der nach EN-Norm 13537 definierten Temperaturen für den Komfortbereich und den Extrembereich eines Schlafsacks lieferte beim gleichen Schlafack Modell von Carinthia Abweichungen von mehreren Grad Celcius. Auf der anderen Seite entscheiden Kunden bei gleichem Preis und gleicher Ausstatung oft ausschließlich an Hand dieser Angaben, in dem Glauben diese Werte seien exakt bestimmbar!
2) AustriAlpin Klettersteigset
Nachfolgend ein Auszug aus einem Schreiben, welches uns heute (12.08.2008) von AustriAlpin zugestellt wurde:
“Bereits seit September 2002 produziert AustriAlpin Klettersteigsets mit DB4-Bremse. Dem Gesetz entsprechend wurden laufend die erforderlichen Prüfungen bei einer notifizierten Prüfstelle (AUVA in Wien) durchgeführt.
Nachdem der Deutsche Alpenverein (DAV) im Sommer 2007 eigene Tests durchführte, bei denen unter anderen auch AustriAlpin Klettersteigsets schlecht abschnitten, wurde festgestellt, dass durch Krangelung des Bremsseiles unkontrollierbar (schwankende) Bremswerte auftraten, die teilweise sogar zu Rissen bei diesen Prüfungen führten.
Der DAV interpretiert in seinen Publikationen den Normsturz (unter dessen Kriterien geprüft wird) folgendermaßen:
“…Das Argument, ein 5 m Sturz mit 80kg Eisen wäre deutlich härter als Stürze wie sie in der Praxis zu erwarten sind, ist sicherlich berechtigt. Denn im Gegensatz zu einer Eisenmasse nimmt der menschliche Körper bei einer Sturzbelastung auch Energie auf…” (Quelle: DAV Panorama 6/2007)
Auch wenn ein Normsturz somit in der Praxis höchst unwahrscheinlich ist, hat AustriAlpin dennoch vorsorglich alle grauroten Klettersteigsets zur Überarbeitung zurückgeholt und bei 13 Falltests an der Uni Stuttgart mit den T7 markierten Sets normgerechte Prüfwerte von 4.9 bis 5.7 kN bei passenden Bremslängen nachgewiesen. Des weiteren wurde eine komplette Baumusterprüfung (maximaler Fangstoß unter 6kN, 120cm Bremslänge) durchgeführt, der die Normtauglichkeit bestätigte (siehe Anhang).
Nach dieser Rückholaktion im Sommer 2007 erschienen heuer in zwei renommierten Bergsportzeitungen ( Alpin 3/2008, Bergsteiger 4/2008 ) weitere Tests an Klettersteigsets, bei denen das AustriAlpin Set anders als im Panorama beurteilt wurde – auch diese Tests wurden in Stuttgart durchgeführt.
Dennoch sah sich die Sicherheitsabteilung des DAV zu noch mehr Tests verpflichtet. Im Frühjahr 2008 wurden weitere 7 Sets geprüft und alle Sets als nicht der Norm entsprechend bezeichnet. In einem Begleitschreiben wurde darauf hingewiesen, dass keines der Sets so geprüft wurde, wie es gekauft wurde. Stattdessen wurde bei “…4 Prüfmustern das Bremsseil einmal aus dem Bremsseilsack gezogen und wieder eingelegt…” (Zitat Semmel, Brief vom 31-03-2008). Bei den übrigen das Bremsseil frei aufgehängt.
Warum nicht so prüfen, wie sie gekauft wurden und wie es laut Gebrauchsanleitung vorgeschrieben ist? Es ist für AustriAlpin nicht nachvollziehbar, warum gleiche Prüfungen an der gleichen Prüfanstalt nicht auch gleiche Ergebnisse bringen.
AustriAlpin hat beschlossen dieses KST-Set aus dem Programm zu nehmen, da wir uns außer Stande sehen gegen diesen übermächtigen Verein anzutreten, der mit einem eigenen Medium große Macht ausüben kann.
Wir können durch eine lückenlose Dokumentation garantieren, dass die KST-Sets mit DB4-Bremse normgerecht sind, deshalb sehen wir von einer Rückholaktion ab. Da es uns aber wichtig ist, dass unsere Kunden sich mit ihren AustriAlpin Produkten wohlfühlen, wollen wir unseren Kunden die Möglichkeit eines Umtausches bieten.
Als Ersatz für die DB4-Bremse gibt es einen gewebten und genähten Falldämpfer, ähnlich wie er in der Industrie verwendet wird. Dabei muss nach einem Sturz, bei dem das Band aufgerissen wird, das gesamte KST-Set sofort ausgetauscht werden.
Zum Schluss ein paar Denkanstöße für die Nutzer von einem Klettersteig:
Schon lange wäre es ein Leichtes, die Klettersteige noch sichererer zu bauen. Es gibt derzeit keine Norm für den Bau, die Erhaltung oder die Sanierung der Klettersteige. Teilweise existieren vogelwild gebaute Klettersteige, die 3 verschiedene Drahtseildicken und X verschiedene Anker verbaut haben. Wir Hersteller müssen unsere Sets an alle Möglichkeiten anpassen und natürlich gibt es für jeden Karabiner den besten und auch den schlechtesten Anker, der unter Umständen den Karabiner sogar sprengen kann. Hätten die Alpenvereine und damit die Betreiber der Klettersteige hier genug personelles und finanzielles Engagement um sich auf EINE Bauweise zu einigen, wäre damit für den Klettersteignutzer ein riesengroßer Schritt in Richtung mehr Sicherheit gemacht. Der derzeitige Normsturz ist jetzt schon sehr unwahrscheinlich, aber mit genormten Klettersteigen könnte man ihn ganz ausschließen und damit harte Stürze am Klettersteig gänzlich vermeiden.
Unserer Meinung nach machen sich die Alpenvereine sehr unglaubwürdig, wenn Sicherheitsrisiken immer auf alle anderen abgewälzt werden, anstatt im eigenen Bereich Schritte in die richtige Richtung zu lenken.
Leider sind Personen wie Pit Schubert, als Gründer der Sicherheitsforschung, nicht leicht zu finden, der die Zusammenarbeit von den Alpenvereinen, Herstellern und Prüfanstalten forderte und förderte und dadurch große Erfolge für die Weiterentwicklung unseres Sportes erzielen konnte.
Anstatt im Interesse Aller das Gespräch und die Zusammenarbeit zu suchen, grenzt sich der DAV aus, indem er sogar am Ende des Jahres aus der UIAA Saftey Commission austritt.
Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast unseren (= AustriAlpin, Anm. von Bergzeit) Standpunkt kennenzulernen. Bitte entscheide selbst, wie Du mit deinen Sets verfahren möchtest.” (Ende des Auszugs aus dem AustriAlpin Schreiben).

